Doppel

Doppel

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Die Bilder sind in einer Acryl-Lack-Technik auf Fotopapier entstanden. Die „Oberflächenspannung“ hat hier im Prozess eine erhebliche Wirkung auf das Resultat. Obwohl im linken der beiden Bilder mehr Farbe aufgetragen wurde, finden sich die Figuren weniger konturiert als im rechten. Die durch den Abriss der Spannung generierte Verteilung der Farbe – als Auflösung erscheinend – macht sich in der Farbfülle stärker bemerkbar – und bewirkt eine freundlich anmutende – (fast
gelöste) – Stimmung.

© Ingrid Zwoch

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Doppel - 1

Zwei Bilder der Künstlerin Ingrid Zwoch nebeneinandergelegt und als ein Zusammengehöriges betrachtet. Auf jedem Bild sind zwei Personen zu sehen. Im linken Bild sind sie eingebettet in eine Welt mit einem Himmel, einer Aussicht, Sternen, Lichtern, Wind, in vorbeiziehende horizontale Pinselstriche. Es geschieht etwas, es gibt Bewegung, Licht, Sand oder Wolkenfetzen strömen an ihnen vorbei. Die kräftigen Pinselstriche deuten ein Raunen, vielleicht sogar eine Unruhe an. Vielleicht blicken die beiden Menschen auf ein Meer, das (noch) vergleichsweise ruhig vor ihnen liegt. Oder sie schauen in den Himmel in einer klaren Sommernacht. Das Licht flackert und besprenkelt alles mit Punkten, wie durch viele Spiegel zurückgeworfen. Oder es sind Irrlichter in der Nacht. Auch die beiden Menschen sind mit Lichtpunkten übersät. Sie ragen vom unteren Bildrand her brustaufwärts ins Bild und sind leicht nach rechts geneigt. Stehen oder sitzen sie? Sind sie jung oder alt? Mann oder Frau? Auch wird nicht deutlich, ob sie sich uns ab- oder zuwenden oder sich vielleicht sogar ein wenig zueinanderneigen. Sie sind sich nah, berühren sich jedoch nicht, zumindest nicht für den Betrachter sichtbar. Ihre Haltung aber wirkt vertraut und sie scheinen im Gleichklang, was durch ihre Parallelität intensiviert wird. In beiden Bildern ist das Farbspektrum begrenzt auf Schwarz-, Grau-, Blau- und Weißtöne.

Im rechten Bild wirken die Personen wie gespiegelt. Auch hier sehen wir zwei parallele Oberkörper am unteren Bildrand, offensichtlich uns abgewandt, aber nach links geneigt. Alles, was das Paar (wenn es eines ist) im linken Bild in kräftigen, dunklen, festen Pinselstrichen umgibt, scheint abgedeckt worden zu sein, um im rechten Bild nur einen Abdruck der beiden Menschen übrig zu lassen. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die schwächeren Grau-/Blautöne, die die Personen im Bild rechts ausfüllen. Hier eröffnen sich zwei Assoziationen:

Das im linken Bild Erlebte, Gesehene und Gefühlte der beiden Personen könnte im rechten Bild eine Resonanz erfahren, hervorgerufen durch Spiegelneuronen. Spiegelneuronen sind besondere Nervenzellen im Gehirn, die dazu führen, dass etwas auch dann empfunden wird, wenn es nur bei anderen beobachtet wird. Diese Nervenzellen machen den Menschen gewissermaßen zu einem mitfühlenden Wesen. Die Menschen rechts stellen die Empfänger der Gefühle und Stimmungen der Menschen links dar. Durch das Beobachten des linken Paares wird auch in ihnen etwas in Schwingung versetzt. Sie können sich hineindenken, nachempfinden und mitfühlen. Aber es fehlen Außenwelt und Wirklichkeit und alles kann nur innerhalb der Menschen stattfinden. Jenseits der Schädelwand ist es leer und weiß.

Das Doppelbild könnte jedoch auch dahingehend interpretiert werden, dass es sich in beiden Fällen um Menschen in derselben Situation handelt. Nur die Wahrnehmung der Wirklichkeit ist grundverschieden. Bei den beiden Personen links ist die Welt präsent und nah; sie sind inmitten des Ganzen, umgeben von Licht, Dunkel und Bewegung. Die Reize dringen vor und werden aufgenommen. Im rechten Bild befinden sich die Personen dagegen isoliert in einer leeren weißen Umgebung. Hier ist nichts mehr. Die Welt scheint abhandengekommen zu sein. Oder, wie Friedrich Rückert es beschrieben hat, die Menschen selbst sind der Welt abhandengekommen – und verharren irgendwo zwischen Melancholie und Depression.

Gemildert wird diese Situation dadurch, dass die Menschen jeweils zu zweit sind und nicht allein. Es sind zwei Menschen, die die Welt wahrnehmen, und zwei Menschen, denen sie verloren gegangen ist. Man möchte sich vorstellen, dass sie miteinander darüber im Gespräch sind.

(Eva Müller, Mai 2019)

Doppel - 2

Zwei mal zwei; zwei mal zwei menschliche Gestalten als Brustbild bzw. abgewandtes Brustbild. Im jeweiligen Bildraum sind sie dort platziert worden, wohin Raffael bei der Sixtinischen Madonna seine beiden nachdenklichen Putti postiert hat, gewissermaßen so gerade eben aufs Postament, das der untere Bildrand bildet. Wie bei Raffael, so gibt es auch bei den hier zu sehenden Bildern reichlich Darüber; die Vertikale dominiert. Hier jedoch ist es keine von Heiligen flankierte Gottesmutter, die sie ausfüllt; auch hegt kein Vorhang zur Seite hin den himmlischen Raum ein, keine Vorhangstange begrenzt nach oben die Bühne für das Himmelstheater.

In einer der beiden Arbeiten von Ingrid Zwoch ist das Darüber eine Abfolge annähernd horizontal übereinander geschichteter Pinselstriche in dunkelvioletter Farbe (in der auch die Figuren dargestellt sind), in der anderen Arbeit eine weiße Leere, die aufgrund einiger marginaler Farbflecke aber ebenfalls auf ihre Herkunft aus einem Malatelier verweist. Die Gestalten in dieser Weiße sind von demselben Farbton, der das erste von beiden Bildern nahezu völlig einnimmt.

Die Figurenpaare unterscheiden sich wesentlich. Die Gestalten im weißen Bild scheinen uns den Rücken zuzuwenden, ihre Oberkörper neigen sich nach links; offenbar sehen wir sie im Vollzug derselben Bewegung, sie agieren parallel, allenfalls in stiller Übereinkunft, mehr an Kommunikation gibt es aber nicht. Im Unterschied zum anderen Figurenpaar sind sie farblich ausgebleicht; im Akt der Bearbeitung wurde ihnen Farbe genommen. Als weiterer Unterschied kommt hinzu: Sie grenzen nicht unmittelbar an den unteren Bildrand. So bleibt, wenn wir sie nicht als bis zum Oberkörper ins Weiß Getauchte verstehen wollen, im Vagen, worauf sie stehen, gehen.

Die Figuren im farbgesättigten Bild hingegen lassen sich wirklich als Paar auffassen. Sie scheinen einander zugewandt, so dass wir von der linken Gestalt eher Rücken und verlorenes Profil, von der rechten eher Brust und Gesicht zu sehen vermeinen, wenngleich uns das Rorschachhafte der Darstellung nicht völlig sicher sein lässt. Da aber beider Oberkörper bis zum Bildrand reichen, ist weniger Vagheit als im Falle des weißen Bildes gegeben. Wir können auf Konventionen der Bildbetrachtung zurückgreifen und für die angeschnittenen Figuren vermuten: Sie stehen auf demselben Grund. Insgesamt ist dieses Bild viel determinierter. Die unterschiedlich gesättigten Pinselstriche lassen viel Platz für weiße Flecken, die sich als Lichtpunkte ausnehmen. Das Paar erscheint lichtumflossen. Es liegt nahe, es sich vor einer stark reflektierenden Wasserfläche vorzustellen. Ein Sog, der sich hoch oben im outer space zusammenbraut, manifestiert durch eine Kehrtwende im Pinselstrich, scheint die mit sich Glücklichen nicht zu tangieren. Nach Vertikalspannung, um den naheliegenden Begriff Sloterdijks zu gebrauchen, also nach tätiger Orientierung auf Höheres hin, ist den beiden nicht. Sie verweilen im posterhaften Augenblick, der so schön ist, dass man ihn posten möchte. (Sind es nicht sogar Blumen aus Licht, die die rechte Figur zieren?)

Von solchem vermeintlichen Glück im Freizeitparadies künden die Gestalten des anderen Bildes nicht. Ihre Haltung kennzeichnet sie als körperlich Arbeitende, als Ziehende. Die Arbeit als Plackerei ist – einem in der Bibel überlieferten Mythos zufolge – eine Strafe Gottes für menschliche Hybris: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück. So bekam es Adam zu hören, dessen Namen der zu Wortspielen aufgelegte Gott ohnehin verdächtig nach Staub klingen ließ (hebräisch ădāmāh bedeutet Erdboden). Von solcher Erdenkloßhaftigkeit sind auch die beiden unter dem hohen Himmel sich Abplackenden. Ihre Köpfe wohlgeformt zu nennen, wäre arg geschmeichelt. Ob ihnen der Sinn nach Vertikalspannung steht, ist mehr als fraglich. Der Himmel selbst hält sich, was Kommunikationsangebote seinerseits angeht, allerdings auch sehr zurück.

Beide Bilder sind Befragungen der Vertikalen, aber es sind nicht die jeweils dargestellten Personen, die sich diese Frage stellen. Anders Raffaels Putti. Sie heben den Blick nach oben, um darüber nachzusinnen, ob das ihnen unter der krummen Gardinenstange gebotene Himmelstheater, in dessen Mitte eine römische Bäckerstochter als Madonna figuriert, so recht für die Präsentation des Göttlichen taugen will. Vertikalspannung will freilich auch bei ihnen nicht aufkommen.

(Hans Reichert, Mai 2019)

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