Wie Lotta aus der Krachmacherstraße Friedrich Engels einmal eine lange Nase drehte

Freiheit, so meinte Engels in einer berühmt gewordenen Formulierung die Hegelsche Philosophie auf den Punkt bringen zu dürfen, Freiheit sei „Einsicht in die Notwendigkeit“. Astrid Lindgren hat, in den „Kindern aus der Krachmacherstraße“, diese Formel am Beispiel der dreijährigen Lotta einmal durchdekliniert: Lotta hat Husten, mag aber ihre Medizin nicht nehmen. Ihr älterer Bruder Jonas, der sie daraufhin für dumm erklärt, hat den Kotau vor dem Realitätsprinzip bereits eingeübt: „Wenn ich Medizin nehmen muss, dann beschließe ich selber, dass ich sie nehmen will, und dann nehme ich sie auch.“ Lotta dagegen ist in der Tat, wie es schon in der Kapitelüberschrift heißt, „eigensinnig wie eine alte Ziege“: „Wenn ich Medizin nehmen muss, dann beschließe ich selber, dass ich sie nicht nehmen will, und dann nehm ich sie nicht.“ (Hegel, so darf man sich vielleicht vorstellen, hätte hierzu feinsinnig gelächelt; Engels hätte gebrummt.)

Das Selbstbestimmungsrecht der kleinen Patientin bleibt übrigens vollauf gewahrt: Sie muss ihre Medizin nicht nehmen, wird allerdings anderntags aufgrund ihres fortdauernden Hustens und nunmehr auch Schnupfens zum Daheimbleiben verdonnert. (Sie büchst aber aus.)

Klaus Achterwinter

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